Für schauinsblau, ein Magazin für Literatur, Kunst und Wissenschaft, durfte ich ein Interview mit Harald Lesch führen: „Das Universum kennt keine Moral!“ Interview & Text enstanden zusammen mit Melanie Gerstenlauer und behandeln die Frage von Moral und Ethik in der Astrophysik.

Auszug aus dem Interview

Für Immanuel Kant war klar: Der bestirnte Himmel über uns und das moralische Gesetz in uns macht die Würde des Menschen aus. Doch hätte Kant gewusst, dass der bestirnte Himmel über ihm die Voraussetzung ist, dass es ihn und seine Moralvorstellungen überhaupt gibt, er zu 92% aus Sternenstaub besteht, hätte er den bestirnten Himmel bestimmt weggelassen. Denn das moralische Gesetz in uns macht unsere Würde aus, das Universum schweigt zur Moral. Das ist die Überzeugung von Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch. Schau ins Blau hat ihn zu einem Interview in der Sternwarte in München getroffen, um über Moral und Ethik, Metaphern und Wahrheitsanspruch in der Astrophysik zu sprechen.

SCHAU INS BLAU: Sie kennen ja mit Sicherheit das berühmte Zitat von Immanuel Kant: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Sie selbst schreiben in ihrem Buch Weißt du, wie viel Sterne stehn: „Erst gelebte Moral macht den Homo sapiens zum Menschen.“ Einige Absätze später dann aber: „Kann man sich ein moralisches Gesetz bei höher entwickelten Tieren noch vorstellen, so ginge es wohl zu weit, wollte man von ihnen auch eine gewisse Ehrfurcht beim Anblick des nächtlichen Sternenhimmels erwarten.“ Was bedeutet es für den Menschen also, den Blick in den Himmel zu richten?

HARALD LESCH: Das finde ich lustig, weil ich gerade einen Text verfasse für ein Buch über die Milchstraße, wo ich genau darüber etwas geschrieben habe. Wir können uns das heute ja kaum noch vorstellen, was es bedeutet…
Diejenigen, die schon einmal in der Wüste waren und einen Sternenhimmel gesehen haben, der wirklich dunkel ist, die können sich vorstellen, was Menschen gefühlt haben müssen, wenn sie früher unter freiem Himmel diese Sternensaat da oben gesehen haben. Es ist ein Rätsel – es ist auch für uns Astronomen eigentlich immer noch ein Rätsel, denn wir wissen zwar inzwischen, das bei den Lichterchen da oben nicht einfach „Gott die Fenster offen gelassen hat“, sondern wir wissen: Es handelt sich um Gasbälle, die unter ihrem eigenen Gewicht zusammengefallen sind und in ihrem Innern passieren irgendwelche merkwürdigen Kernreaktionen. […]

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Kurzreportage zu Bioplastik

An der Akademie der Bayerischen Presse entstand mein Artikel zum Thema Bioplastik und wurde dort als Online-Beitrag publiziert. Hier ein Auszug aus der Kurzreportage:

Hannibal und die Spinnenseide

Ich traf Hannibal an einem Wintertag in München. Er war hässlich, das gebe ich zu. Und groß. Einige Frauen stürzten bei seinem Anblick fluchtartig in Richtung Tür, andere deuteten mit dem Finger auf ihn. Da Hysterie, dort Heldenmut. Dem Seminarleiter gelang es schließlich, ihn mit der Plastikhaube einer CD-Spindel zu überwältigen. Was für ein Ende für eine Spinne- Hannibal wurde zum Sterben in den Schnee geworfen. Seitdem sucht er mich in meinem Träumen heim.

Acht vorwurfsvolle Augen starren mir dann aus der Dunkelheit entgegen. Tut mir leid, Geist-Hannibal, denke ich. Ich mach das wieder gut. Aber das Seminar. Es geht um Plastik. Ja, ich weiß, die Plastikhaube… schweißgebadet wache ich auf.

Als der Morgen graut, bin ich schon seit ein paar Stunden auf Google Scholar unterwegs um die Gedanken an Geist-Hannibal zu verdrängen. Für das Seminar recherchiere ich zu Plastik. Ich lese, dass die über Hannibal gestülpte Plastikhaube wahrscheinlich aus Polycarbonat gemacht wurde. Das klingt nach Chemie.

Doch dann, irgendwann, irgendwo zwischen PVC-Boden und PET-Flaschen (Polyvinylchlorid! Polyethylenterephthalat!) stolpere ich über dieses Wort: Bioplastik. Was? Biologisches Plastik?  

Kann Plastik Bio sein?

Ja, es kann.

Und es gibt genau zwei Möglichkeiten: Bioplastik ist entweder am Anfang oder am Ende seines Lebens biologisch. Beginnen wir am Anfang: Bioplastik der Sorte „bio by nature“ kann aus Mais oder Zuckerrüben, aus Hanf und sogar aus dem Panzer von Garnelen hergestellt werden. Der Renner unter den Biokunststoffen ist dabei bis heute die thermoplastische Stärke aus Kartoffeln, Mais oder Weizen.

Lecker, denke ich, wenn es nur so einfach wäre und kritzele in mein Notizbuch:

Kochrezept für Bioplastik

  • Nimm einen Sack Kartoffeln und zerstampfe sie zu Brei.
  • Wasche den Brei mit Metallbürsten ordentlich aus, bis er keine Proteine, Öle oder Fasern mehr enthält.
  • Füge der Stärke ein wenig Sorbit aus den Früchten der Eberesche und ein wenig Glyerin aus Olivenöl hinzu.
  • Fertig ist das Bioplastik. Forme was dir gefällt!
    Vorsicht: Besser nicht zuhause nachkochen.

In der Industrie werden Biokunststoffe aus Stärke vor allem für Folien, Beschichtungen in Joghurtbechern und Medikamentenkapselhüllen verwendet. Für andere Zwecke kommen sie aber weniger in Frage.

„Shrilk“: Bioplastik aus Garnelen

Nicht nur Pflanzen eignen sich für Biokunststoffe. Forscher und Forscherinnen des Harvard Institute for Biologically Inspired Engineering ist es gelungen, aus dem Chitosan des Panzers von Krabben und Garnelen einen Biokunststoff zu entwickeln, den sie kurzerhand Shrilk (Neologismus aus Schrimps & Silk) getauft haben. Das aus den Krustentieren gewonnene Seidenprotein ist extrem umweltfreundlich: der Forschungsgruppe gelang es, in einem Blumentopf mit kompostiertem Shrilk eine Erbsenplanze zu züchten.

Mit chemischen Reaktionen wird aus Erdöl Bioplastik

Doch auch Plastik auf der Basis von Erdöl kann im Labor mit der Fähigkeit zum biologisch abbaubaren Ableben versehen werden. Aber wie? Die entscheidenden chemischen Vorgänge dabei heißen Polymerisation und „Cracken“. Was dabei geschieht, erklärt mir die Chemikerin Dr. Christina Bock.

„Erdöl ist ein komplexes Stoffgemisch, das zum Großteil aus vielen verschiedenen Kohlenwasserstoffen besteht (z.B. Alkane). Durch das sogenannte Cracken werden langkettige Alkane in vielseitiger einsetzbare kurzkettige Alkane gespalten. Dadurch entstehen aus Erdöl die Grundbausteine für alle erdenklichen modernen Syntheseprodukte wie Kunst- und Farbstoffe oder auch Medikamente.

Plastik und Kunststoff sind allgemein gebräuchliche Bezeichnungen für künstlich synthetisierte Polymere. Polymere sind sehr langkettige, unterschiedlich stark verzweigte Moleküle, die aus vielen kleinen, sich wiederholenden Untereinheiten aufgebaut sind. Polymerisation beschreibt den Vorgang der Verknüpfung von getrennt vorliegenden Untereinheiten zu einem großen Molekül durch eine Vielzahl von aufeinander folgenden chemischen Reaktionen.“

Ich stelle mir das ein wenig wie Lego spielen vor. Ich kann große Kunstwerke „cracken“, also auseinandernehmen, und dann die einzelnen Teile in einer anderen Form, die mir gefällt wieder neu zusammensetzen- das wäre dann die Polymerisation. So kann auch abbaubares Bioplastik aus Erdöl hergestellt werden. […]

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