Meine Kurzgeschichte „Seven of Gods“ erschien im Buchprojekt CURT SCHREIBKRISE: Texte und Bilder von 39 regionalen Schreiber*innen und 10 Fotograf*innen in einer Anthologie, die das Jahr 2020, den Lockdown und den Output dieser Zeit darstellt. Sie erzählt von einem klassischen ethischen Dilemma – den Folgen der Techniknutzung.
Leseprobe: Seven of Gods
Professor Esimov bat mich darum, diesen Text zu verfassen. Ich bin nicht gut im Schreiben. Aber ich konnte es ihm nicht abschlagen. Er ist so ein gewinnender alter Kerl. Ich habe ihn liebgewonnen in den letzten Wochen.
„Die Leser werden besser verstehen, worum es geht, wenn sie die Worte von jemandem lesen, der keine komplizierten Titel trägt“, sagte er. „Sie, Frau Lanturing, werden es so schildern, wie ich es niemals könnte. Völlig unreflektiert.“
Was er damit sagen will, weiß ich wirklich nicht. Manchmal drückt er sich ganz komisch aus, aber ich ignoriere das. Er kann wahrscheinlich nichts dafür, weil er doch ein Professor ist. Ich bin sehr tolerant.
Also die Geschichte begann damit, dass mich Professor Esimov vom Deutschen Ethikrat angerufen hat und mir gesagt hat, dass ich in die Entscheidungskommission zum Fall „Die Gods“ einberufen wurde. Ich hielt es für einen Scherz und legte wieder auf. Als dann aber drei Tage später der Brief auf dem dicken Weißpapier mit Stempel und Unterschrift des Bundesministeriums für künstliche Intelligenz und kreative Algorithmen (BuKIKA) in meinem Briefkasten lag, musste ich ihn wohl oder übel zurückrufen. Das Ministerium hatte beschlossen, dass ein möglichst durchschnittlicher Bürger in diese Entscheidung einbezogen werden muss. Der Gerechtigkeit wegen. Es ist nie schön zu hören, dass man Fleisch gewordene Durchschnittlichkeit ist, aber was soll ich machen. Ein kreativer Algorithmus hat meinen Namen gezogen, Annika Lanturing, Verwaltungsfachangestellte im öffentlichen Dienst, katholisch, ledig, zwei Katzen, Tomatenzucht auf dem Balkon. Temporäres Mitglied des Deutschen Ethikrats. Ich habe keine Zeit für sowas.
Es geht um dieses Spiel, „Die Gods“. Ich habe es nie gespielt. Ein paar Freundinnen von mir schon, damals, zu Schulzeiten. Es hat einige Preise gewonnen. Computerspiele haben mich nie interessiert, ich war mehr so der Pferdetyp. Nach den Corona-Kriegen, so ab 2032, wurde „Die Gods“ auf der ganzen Welt immer beliebter. Im Prinzip geht es darum, dass man Häuser, Städte, Menschen und Familien nachbauen kann und in einer virtuellen Welt herumkommandiert. Meine Freundin Lisa hat Stunden damit verbracht, die 3D-Brille auf der Nase. Danach hatte sie rote Augen und so einen glasigen Blick. Mit ihr war bis Sommer 2034 nicht mehr viel anzufangen. Professor Esimov jedenfalls hat mir erklärt, es geht um den „nächsten Schritt“. So nennen es die Spieleentwickler. Der „nächste Schritt“ sei moralisch bedenklich, sagte der Professor. Die Regierung hat die Markteinführung erstmal gestoppt. Sieben Personen haben aber eine Petition auf Freigabe durch den Deutschen Ethikrat unterschrieben. Wir müssen also entscheiden, ob das Spiel auf den Markt kommen darf oder nicht. Der Professor hat mir den Link zum Werbevideo geschickt, und darin heißt es:
„Be whoever you want, be wherever you want! A world of freedom, endless creativity and happiness. Travel like they did in 2019, visit real-as-fuck concerts and big crowded partys, be safe – no risk, no touch! Digital is better. The Gods will change your life forever!“
Dazu gab es ein paar Bilder von jungen, durchtrainierten Leuten, die von anderen jungen, durchtrainierten Leuten bewundernd angestarrt wurden. Ein Strand, ein DJ, eine Babykatze, Leute, die Yoga auf einem Berggipfel machen, lachende Kinder, Sonnenaufgang in Hawaii, Lara Croft, goldener Mercedes, ein fliegendes Einhorn.
Nachdenklich biss ich in meinen Yokazütl. Dass sich ausgerechnet Englisch als Werbesprache in Russisch-China durchgesetzt hat! Ich fühlte mich vorbereitet. Morgen würde mein Auto mich nach Berlin fahren. […]

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