„Ein Leipogramm (manchmal auch ‚Lipogramm‘ genannt) ist also eine Schreibart, die bewußt einen oder mehrere Buchstaben meidet, aus einfacher literarischer Spielerei, um Klangmalerei zu erzielen oder aus sonstigen Motiven.“ (Christoph Gutknecht: Lauter böhmische Dörfer. Wie die Wörter zu ihrer Bedeutung kamen. Beck, München 1995, Seite 156.)

Mein erstes Leipogramm entstand etwa 2012, eine sehr lange Zeit vor der Erfindung von KI. Heute ist es wahrscheinlich einfacher, eines zu erstellen. Anno dazumal war es reine Fleiß- und Schweißarbeit. Der Text war Beitrag eines Poetry Slams ins Augsburg.

Das letzte Zeichen

Teil 1: In Salvo

Als ich meine Identität aufgab, löste sich eben die Sonne von den Wipfeln und stieg hinauf in den Himmel. Jetzt falle ich in den weichen Sitz. Ich bin gelassen, ich habe keine Gewissensbisse. Oben leuchtet ein Symbol. Die Glasscheibe ist kalt, wie gut könnte es sein, meine Schläfe dagegen zu lehnen.
„Hallo!“
Die Stimme ist leise gegen das beständige Summen. Es sind die Leute im Flugzeug, die schwatzen. Sie klingen melodisch, alle gleich, ja, sie sind auch nicht wie ich… einmal gewesen bin. Eine Oma setzt sich neben mich, legt die Handtasche unten hin. Mein Puls steigt. Ist das Panik? Das ist ein Test, ein Test, es ist einfach.
„Hallo“, sage ich. Dann ist es still. Sie faltet die Hände zusammen, ein Fuß wippt.
„Sie fliegen auch nach München?“
Eine legale Behauptung. Die Oma möchte Gesellschaft, das ist alles. Sie hat keine Ahnung, sie wollte etwas sagen, egal was, bloß, damit etwas gesagt ist. Ich möchte wissen, was geschieht, wenn ich Nein sage. Es juckt mich. Nicht doch, denke ich. Behutsam.
„Ja. Das Flugzeug geht nach München, wissen Sie?“
„Ja“, sie ist glücklich, „das hoffte ich. Ich bin nämlich noch nie… noch nie geflogen.“
„Das macht nichts.“, sage ich. „Einmal muss man anfangen.
Sie schaut mich an. „Oh“, macht sie plötzlich. Die Luft ist augenblicklich dünn, dabei bin ich noch am Boden. Kennt sie mich? Das ist nicht möglich. Sie schielt. Sie sieht mich nicht an, sie sieht hinaus.
„So viel Polizei!“
Ein Bild zeichnet sich in meinem Kopf. Jetzt nach hinten schauen, niemals. Es ist das, was sie in den Filmen tun, und es endet nie gut.
„Das ist so am Flughafen.“, sage ich.
„Ach so“, meint sie hoffnungsvoll, „wegen dem Haschisch, das habe ich gelesen.“
Sie dehnt den Hals, dabei schaut sie aus wie ein Lama, ohne die Zähne. Doch alles ist schon weg. Gott sei Dank. Die Polizei, die ist egal. Keine Angst. Was ich getan habe, geht das Gesetz nichts an. Haschisch. Ich muss schmunzeln. Ich bin legal, auch ohne meine Identität, niemand kann mich anklagen. Ja, ich habe getötet, um sie los zu sein. Niemals hätte ich das gedacht. Dabei nistete sich die Idee schon lange in meinen Gedanken ein. Und beeinflusste mich. Es musste so kommen. Und es kam. Endlich bin ich wie alle. Es fühlt sich gut an, leicht und sanft.
Das Flugzeug beschleunigt, kippt. Ich fühle, wie es mich nach hinten zieht. Ich mag das, es ist das Beste. Ein Test, denke ich. Bloß ein Test.
„Kommen Sie aus Schleswig-Holstein?“, möchte sie plötzlich wissen. Wie kommt sie denn… ich muss laut lachen. Ich mag das, oh ja.
„Nein! Nein.“
„Was machen Sie in München?“, will die Oma wissen. „Leben Sie da?“
Auf einmal bebt meine Hand, ich weiß nicht, wieso. Ich lege sie in meinen Schoß.
„Nein, ich besuche bloß jemanden. Einen Bekannten. Und Sie?“
Sie senkt die Stimme. „Ich laufe davon.“, sagt sie.
Alle laufen davon. So ist das. Auch Omas. Ich laufe nicht davon, nicht im Sinne des Satzes. Nein, das muss ich nicht, weil niemand mich stellen will. Wieso auch? Niemand weiß es. Ich glaube, auch das letzte Zeichen ist weg. Ich hoffe es. Ich schaue in die Glasscheibe, als gäbe es da was zu sehen. Das ist Quatsch. Schaden tut’s nicht. Ein Test.
„Wieso laufen Sie denn davon?“
„Sie haben meinen Mann entlassen.“, sagt sie unwillig, „Sie wissen schon. Aus dem Gefängnis. Musste das denn sein! Völlig sinnlos, finde ich. In dem Alt…“
„Möchten Sie vielleicht etwas Kaffee?“
Schweigen. Das Mädchen schiebt den Wagen davon. So ein Flug kann schnell gehen.
„Wieso laufen Sie also davon?“, nahm ich den Faden auf.
Sie schüttelt den faltigen Kopf. „Haben Sie schon einmal eine Todsünde begangen?“
Ich nestle an meinen Jackennähten. „Möglich.“
Sie nickt. „Sehen Sie. Ich auch. Und ich möchte es nicht noch einmal tun.“
Da weiß ich, was sie sagen will. Und wie schön sie es gesagt hat! Ich möchte es nicht noch einmal tun. Genauso. Ich nämlich auch nicht.
Jetzt schweigend, im Gleichklang, sitzen sie und ich da. Ich bin gelöst. Bald landet das Flugzeug. Und dann habe ich den Test bestanden. Das letzte Zeichen ist weg, es ist tot, ich habe es beseitigt. Und niemand weiß, was es gewesen ist.

Teil 2: In Dubio

Mein neues Leben ist schon siebenundfünfzig Zeilen lang. Ich bin ein Dilettant, das weiß ich genau. Ich tu es ja auch nicht so oft. Da kann man nicht denken… da kann man nicht noch auf Schönheit achten. Ich ziehe meinen Mantel aus und lege ihn bedächtig auf das Bett mit dem weißen, weißen Laken. Alles ist weiß, alles ist neu, alles ist weit weg, Watte. Mein Daumen hält den Hut, mein Kopf neigt sich nach links, ein Blatt klatscht gegen die Scheibe. Licht fällt auf mein Gesicht, ich blinzle. Die Hand gleitet automatisch in die Hosentasche, da ist sie, meine Waffe, mein Gelöbnis, mein Eid.
„Hallo!“
Die Stimme ist wie ein Schlag in den Magen. Mein Hut fällt, die Hand packt die Waffe. „Es ist aus“, denke ich, „aus aus aus!“ Mein Blick gleitet in Zeitlupe zum Eingang. Da steht ein Mädchen, sie hält einen hässlichen Stoffpinguin und steht da einfach. Ich bin ein Idiot, ein Laie, ich kann nicht mal abschließen.
„Was willst du?“
Alte Damen, kleine Mädchen. Die Heimsuchung hat ein unschuldiges Blümchenkleid an, das Schicksal leuchtet in den toten Augen eines schmutzigen Pinguinimitats. Ist das nicht typisch? Göttlich waltend kommt die allsehende Nemesis aus dem Nichts und schaut tief in meine Seele. Deus ex machina, geliebt und gehasst, des Poeten letzte Ausflucht, wenn die Fantasie dahingeschwunden. Wehe!
Das kleine Biest setzt sich auf das weiße Bett und gafft und spielt unschlüssig.
Fünfundsiebzig Zeilen lang ist mein neues Leben jetzt, und mich beschleicht Unheil.
„Bist du auch neu?“
„Jaaaa…“ Alles okay, alles okay, alles gut.
„Wie heißt du?“
„Sag ich nicht!“ Gut gemacht.
„Du bist komisch!“
„Du auch, geh jetzt!“
Das Biest macht keine Anstalten. Sie schaut mich an, sie hat ein Fuchsgesicht und Zöpfe, sie lacht.
„Okay“, sage ich, „Ich hatte einen langen Tag. Ich bin echt am Ende. Ich habe keine Ahnung, was du willst. Ich will, dass du jetzt gehst. Ich muss schlafen. Geh!“
„Alles, was du sagst, klingt echt voll komisch!“, sagt sie und schaut. Was sieht sie? Meine Schuld? Sieht sie alles? Das letzte Zeichen, kann sie es sehen? Unsinn. Unsinn, man kann es nicht sehen. Und es ist weg, ich habe es doch getötet, seit siebenundachtzig Zeilen. Was weiß sie, was weiß dieses Kind?
„Weißt du, wie ich heiße?“
„Nein und ich will es nicht wissen!“
Die Hand, die Hosentasche, die Waffe. Die Waffe. Das Kind.
„Ich sag’s jetzt!“
„Nein!!!“ Schweiß auf den Lippen, Angst, ich kann nichts tun, ich muss…
„Ricarda!“
Und die Erde stürzt ein. Dreiundneunzig Zeilen war alles in Ordnung. Und dann muss mein neues Leben sterben. Das verdammte letzte Zeichen. Ricarda! Ricarda! Rrrrrrrrrrrr… Oh großer Gott! Ist es denn wirklich so schwer, ein Leben ohne das Zeichen zu führen, ohne dich, du verfluchter Buchstabe, du Zeichen meiner Identität, meine Herkunft!
‚Oh hörst du das rollende R, da kommt jemand aus Franken!‘
Ist es verwerflich, nicht den Mund aufmachen zu wollen, wegen einem verdammten Buchstaben, Rrrrrrr?!
Dreiundneunzig Zeilen nur ohne mich zu verraten! Es muss doch möglich sein, mein Leben als Lipogramm zu leben. Mit fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets kommt man doch aus! Oder? Oder nicht?!
Großer Gott, das rollende Rrrrr!
Ich bin hilflos, ich habe verloren, gegen ein kleines Mädchen. Man kann einen Buchstaben nicht töten, es geht einfach nicht. Nicht in Echt. Da steht sie und schaut mich immer noch so an und sagt:
„Wo kommst du her?“
„Rat er mal.“
„Kommst du aus Spanien?“
„Was?“
„Aus Spanien?“
„Was?!“
„Warum?“
„Sag nochmal ‚Warum‘?“
„Warum?“
„Wo kommst du denn her?“
„Aus Augschburg, warst du da noch nie?“
Ist es nicht traurig? Wer nicht sein will, was er ist, hat noch mehr Vorurteile als der Rest. Das habe ich gelernt, und es klingt so unheimlich moralisch, es muss die Moral dieser Geschichte sein. Nur war das keine Geschichte, nein, wirklich nicht, es war ein gescheitertes Lipogramm, und es tut mir leid.  Das nächste Mal lasse ich keinen Gott aus der Maschine.
Denken Sie an den Anfang, und wie schön alles klingen kann, ohne ihn, den bösen Buchstaben.

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